Time is Money // Schnell ein paar Fragen an Adi Drotleff (im Bild oben, rechts), Chairman von Mensch und Maschine Software (MuM) und CFO Markus Pech über das zweitbeste erste Halbjahr der Unternehmensgeschichte, antizyklische Kunden, neue Impulse aus den Bereichen Bau und Defense sowie den erwarteten Gewinnsprung im vierten Quartal 2025. Eine Gewinnverdopplung in vier bis fünf Jahren bleibt das Ziel.
Herr Drotleff, die Wirtschaft in Deutschland steckt in einer Dauerstagnation, immer wieder ist von Entlassungen in der Automobil-, der Zulieferer- und der Elektro-Industrie zu lesen, zugleich beschwört der Kanzler einen Stimmungswandel. Ist dieser im Mittelstand spürbar?
Adi Drotleff: Wir spüren das bei unseren Kunden schon seit der Bundestagswahl im Frühjahr. Als fast lupenreiner B2B-Anbieter haben wir es ja nicht mit Konsumenten, sondern mit Geschäftskunden aller Branchen und Größen zu tun, und die denken und entscheiden sehr rational. Also nicht aus einem destruktiven Blickwinkel wie in Teilen der öffentlichen und politischen Diskussion, sondern konstruktiv auf der Suche nach pragmatischen Lösungen. Dazu kommt, dass MuM durchgängig Systemlösungen anbietet, um innerbetriebliche Prozesse zu optimieren und Ressourcen einzusparen, weshalb unsere Kunden ohnehin nicht zyklisch zur Konjunktur, sondern eher antizyklisch entscheiden.
Jahrelang hat die Politik in Deutschland Infrastruktur-Investitionen knapp gehalten, jetzt sollen Milliardensummen in die Erneuerung fließen. Mensch und Maschine entwickelt auch Software für die Baubranche. Nehmen aus diesem Sektor die Bestellungen bereits zu? Welche Erwartungen haben Sie hier mittelfristig?
Drotleff: Diese Prämisse stimmt nicht ganz, denn während der langen Hochkonjunktur am Bau war es ja so, dass durchaus mehr Mittel für Infrastruktur bereitstanden, diese aber mangels Kapazitäten in der Baubranche nicht vollständig abgerufen werden konnten. Deshalb kam es jahrelang zu dem „Wunder“, dass der Bundeshaushalt am Ende mit deutlich weniger Schulden auskam als geplant. Aber zu Ihrer Frage: Die Aufträge aus dem Bausektor haben tatsächlich schon angezogen, also von dort, wo man im weitesten Sinne von „Infrastruktur“ sprechen kann. Und das fühlt sich nicht nach einer Eintagsfliege an.
Mensch und Maschine – MuM – erstellt technische Software, etwa um Maschinen effizienter zu machen. Investieren beispielsweise Maschinenbauer oder Autozulieferer, zwei Branchen, die seit Jahren mit herausfordernden Marktbedingungen konfrontiert sind, in mehr Effizienz – oder herrscht dort Zurückhaltung, was Bestellungen angeht?
Drotleff: Auch aus diesen Sektoren nimmt bereits das Interesse zu, aber es ist noch nicht im gleichen Maße wie bei der Infrastruktur in unseren Halbjahreszahlen zu finden. In den Angebotspipelines bekommt man aber schon eine Ahnung, was da in den nächsten Quartalen und Jahren auf uns zukommen könnte.
Welche Bedeutung könnten Investitionen in den militärischen Bereich für MuM haben?
Drotleff: Den Bereich Defense/Verteidigung gab es bei technischer Software schon lange, aber man nannte es meist verschämt Dual Use. Dazu zählen beispielsweise unser größter Bereich CAM/Werkzeugmaschinen-Software ebenso wie der BIM-Ingenieurbau, denn dass gefräste Präzisionsteile sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt werden können, versteht sich genauso von selbst wie bei Brückenbauwerken oder Tunnels. Besonders kuriose Beispiele sind die in Zukunft zur Umsetzung der Wehrdienstpflicht benötigten Kasernen-Neubauten oder -Sanierungen, die zwar klar dem Defense-Bereich zuzuordnen sind, aber für uns fachlich zum ganz normalen Hochbau gehören.
Herr Pech, im ersten Halbjahr sank der Umsatz um 31 Prozent. Besonders stark war der Rückgang im Segment „Digitalisierung“ mit 49 Prozent. Wie kam es dazu?
Markus Pech: Das ist der technische Effekt des neuen Abrechnungsmodells unseres Partners Autodesk, weil nach der Umstellung von Wiederverkauf auf Provision der ohnehin nicht wertschöpfende Einkaufsteil wegfällt, was auf Jahresbasis gute hundert Millionen Euro weniger Einkauf und Umsatz sind und im Halbjahr eben die von Ihnen genannten Prozente.
Dagegen stagnierte der Rohertrag und der Betriebsgewinn – Ebit – verlor mit 4,4 Prozent nur leicht. Zugleich sprangen die jeweiligen Margen von 53,2 auf 77,2 Prozent beziehungsweise von 15,9 auf 22,1 Prozent. Liegt das im Rahmen Ihrer Erwartungen?
Pech: Den Margenerhöhungseffekt bei technisch niedrigerem Umsatz und gleichbleibenden Ertragszahlen hatten wir ja schon im Q4 und Q1, also seit der Umstellung im September 2024. Jetzt kann man langsam davon ausgehen, dass sich sowohl Rohmarge als auch Ebit-Rendite ihren eingeschwungenen Zuständen nähern. Dass der Betriebsgewinn Ebit noch etwas unter Vorjahr hereinkam, liegt an den zwar abnehmenden, aber nach wie vor vorhandenen Bremseffekten der Autodesk-Umstellung, die aber voraussichtlich bis zum Jahresende abklingen dürften.
Trotz des Ergebnisrückgangs im ersten Halbjahr haben Sie die Ziele für das Gesamtjahr bestätigt, die ein Ebit-Plus von neun bis 19 Prozent vorsehen. Woher nehmen Sie den Optimismus für das Jahresendgeschäft?
Pech: Wenn man sich die Quartalsverteilung des letztjährigen Ebit anschaut, sieht man deutlich, dass das Q4 durch den anfänglich sehr starken Umstellungs-Bremseffekt um rund sechs Millionen Euro niedriger bei nur 8,38 Millionen Euro hereingekommen ist als bei normalem operativen Verlauf zu erwarten gewesen wäre. Da dieses Jahr im Schlussquartal kaum noch signifikante Bremseffekte zu erwarten sind, können wir ein fulminantes Plus im oberen zweistelligen Prozentbereich erwarten. Das Ebit-Ziel im Q4 orientiert sich eher am Q4 des Jahres 2023, das bei 12,42 Millionen Euro lag, plus einem entsprechenden Zwei-Jahres-Zuwachs. Deshalb sind wir bei unseren Jahreszielen geblieben, obwohl wir auf Halbjahres- und voraussichtlich auch auf Neun-Monatsbasis noch unter dem Vorjahres-Ebit bleiben.
Auch Mensch und Maschine hat Personal entlassen oder Neueinstellungen ausgesetzt. Wird weniger Personal benötigt oder musste beziehungsweise wollte MuM sparen?
Pech: Beides. Durch die automatische Abwicklung des Autodesk-Geschäfts brauchen wir deutlich weniger Kapazität in der Auftragsabwicklung. Außerdem ist es bei uns ganz normal, dass wir ein striktes Kostenmanagement haben und laufend Kapazitäten anpassen, wenn in den etwa 100 Profitcentern, in die das MuM-Geschäft regional und thematisch eingeteilt ist, die vorher erwartete Rohertragsentwicklung über- oder unterschritten wird. Dass wir das nach einer Situation wie in Q4/24 im Digitalisierungssegment gemacht haben, versteht sich von selbst. Meist genügt es uns bei Überkapazitäten, einfach die Anzahl der Neueinstellungen zu reduzieren, diesmal war auch die eine oder andere Freistellung dabei.
Wie schätzen Sie 2026 ein und was sind die Ziele darüber hinaus?
Pech: 2026 wollen wir wieder kräftiger wachsen, also bei Umsatz/Rohertrag in unserem Standard-Korridor plus acht bis plus zwölf Prozent landen und bei Ebit/Eps [Earnings per Share, Gewinn je Aktie, A. d. R.] zwischen plus 13 und plus 25 Prozent. Mittel- und langfristig ist durch unsere Methode, die Kostenentwicklung im Schnitt bei etwa zwei Dritteln der Rohertragsentwicklung zu halten, eine Verdopplung in vier bis fünf Jahren zu erwarten, konkret also nach dem 2014 erzielten Nettogewinn von 180 Cent/Aktie ein Wert bei oder oberhalb von 360 Cent bis 2028 oder 2029.
Herr Drotleff, Herr Pech, vielen Dank für das Interview



Ein Kommentar
ein super Interview !