Einst stellte Gerresheimer tatsächlich Bierflaschen her. Doch dies ist längst Geschichte, denn der Verpackungsspezialist konzentriert sich heute auf die Medizin- und die Kosmetikindustrie. Allerdings sorgen am heutigen Mittwoch neue Schreckensnachrichten rund um die Bilanz für einen Kurseinbruch von rund 30 Prozent.
Bereits im vergangenen Jahr hat es bei Gerresheimer bei der Verbuchung von Umsätzen Ungereimtheiten gegeben, weshalb die Bafin eine entsprechende Untersuchung eingeleitet hatte. Diese ergab allerdings nur geringfügigen Änderungsbedarf in den Bilanzen des Konzerns. Die Unsicherheiten um die Aktie hielten aber an, wozu beispielsweise auch ein Vorstandswechsel wesentlich beitrug.
So musste der langjährige Vorstandsvorsitzende Dietmar Siemssen Ende Oktober 2024 seinen Hut nehmen. Im folgte Uwe Röhrhoff, der Vor-Vorgänger von Siemssen. Er führte Gerresheimer von 2010 bis 2017 als CEO.
Offensichtlich haben Röhrhoff und sein CFO Wolf Lehmann, der erst im September zu Gerresheimer gekommen war, nun aber weitere Unregelmäßigkeiten in dem Zahlenwerk vorgefunden. Daher meldete der Vorstand heute, dass die Veröffentlichung des Jahresabschlusses 2025 nun nicht zum angekündigten Termin veröffentlicht wird. Vielmehr wurde eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft hinzugezogen, die speziell die Erfassung von Umsatzerlösen im Geschäftsjahr 2024 und 2025 unter die Lupe nehmen soll. Ein neuer Termin für die Veröffentlichung wurde nicht genannt.
Zudem kündigte das Management an, dass die US-Tochter Centor nun zum Verkauf gestellt wird. Centor ist ein führender Anbieter von Verpackungssystemen für verschreibungspflichtige Medikamente in den USA. Der Deal soll vor allem die Kapital- unddieFinanzierungsstruktur des Konzerns optimieren. Doch der mögliche Verkauf dieser Tochter überrascht, er könnte aber auch darauf hinweisen, dass die Liquiditätslage des Konzerns angespannter ist als bekannt.
Und auch der nun gegebene Ausblick auf das Geschäftsjahr 2026 sorgte am Markt für Enttäuschung, da die Werte unter den Markterwartungen liegen. Demnach will Gerresheimer im laufenden Jahr einen Umsatz von 2,3 bis 2,4 Milliarden Euro erzielen, bei einer bereinigten operativen Ergebnismarge von rund 18 bis 19 Prozent. All diese Faktoren sollten dafür, dass die Gerresheimer-Aktie (A0LD6E) abgestraft wurde. Der Wert rutschte mehr als 30 Prozent in den Keller und notiert damit erstmals seit dem Jahr 2009 unter der 20-Euro-Marke.
Mit Blick auf die nun neu entflammten Unsicherheiten raten wir nun von Aktien-Direktinvestments ab, nachdem wir bislang Hoffnungen [siehe HIER] hatten, dass es sich um einen einmaligen und geringfügigen Bilanzfehler gehandelt hatte. Nun wird es aber Monate oder gar Jahre dauern, ehe der Konzern das verlorene Vertrauen der Kapitalmarktanleger zurückgewinnen kann. Entsprechend schwer dürfte es sein, den Kurs wieder nach oben zu führen. In diesem Fall würde es sicherlich auch nicht helfen, wenn Gerresheimer wieder zur Produktion von Bierflaschen zurückkehrt.
Bei dem zuletzt im Januar vorgestellten Discount-Zertifikat (HT70SX) mit Cap bei 30 Euro und Bewertungstag am 19. Juni 2026 raten wir nun auch zum Verkauf. Wir gehen nicht davon aus, dass der Basiswert das Cap-Niveau in so kurzer Zeit noch erreichen kann.
Gerresheimer-Aktie (Tageschart): steile Talfahrt



