Aifinyo, Stefan Kempf

Interview Stefan Kempf – Aifinyo // Höhere Ertragsdimension mit Geschäftsmodell auf neuer Stufe

Von • 9. August 2021 • Anlagevisionen, Feature, Time_is_MoneyComments (0)1985

Time is Money // Schnell ein paar Fragen an Stefan Kempf, Vorstand bei Aifinyo, zu einem Umsatz-Sprung von 72 Prozent im zweiten Quartal 2021, ob Aifinyo die Corona-Pandemie hinter sich gelassen hat und zur weiteren strategischen Ausrichtung. Das Technologieunternehmen zählt zu den wenigen deutschen Fintechs die sich nicht auf Privat-, sondern auf Geschäftskunden konzentrieren. In diesem Milliardenmarkt will Aifinyo zu einer bedeutenden Marke rund um Finanzierung, Zahlung und Abwicklung für KMUs werden.

Herr Kempf, was macht Aifinyo genau, in ein, zwei Sätzen?
Als B2B-Fintech bieten wir kleinen und mittelständischen Unternehmen – so genannten KMUs – eine in Deutschland einzigartige Online-Plattform rund um die Themen Finanzierung, Zahlung und Abwicklung. Unsere Kunden können ihren Wareneinkauf finanzieren, ihre Rechnungen erstellen, sie per Mail oder Post versenden, wenn nötig ein Mahnverfahren einleiten und sich den Betrag auch vorfinanzieren – alles in einem One-Stop-Shop.

Gestartet ist Aifinyo als Elbe Finanzgruppe. Warum die Umbenennung? Was hat sich verändert?
Seit der Gründung im Jahr 2012 haben wir unser Leistungsportfolio organisch und durch gezielte Übernahmen deutlich erweitert. In 2019 haben wir dann die aus der Finanzgruppe entstandenen Namen wie Rechnung48, amacash, elbe-factoring auf der Aifinyo-Plattform vereint. Mit Aifinyo sind wir auf dem Weg, eine wichtige Marke für Smart Finance in Deutschland aufzubauen und eine auch für klassische Banken offene Plattform zu etablieren – ähnlich wie es Hypoport sehr erfolgreich bei der Baufinanzierung getan hat.

Welche Kundengruppen sprechen Sie damit an?
Allein in Deutschland gehören rund vier Millionen KMUs zu unserem Kundenuniversum. Wenn diese im Jahr durchschnittlich rund 2.000 Euro für Kontoführung und Finanzierungen ausgeben, liegt unser Marktvolumen bei rund acht Milliarden Euro. Zur Einordnung: Aifinyo hat im ersten Halbjahr 2021 mit 1.100 Kunden netto rund vier Millionen Euro umgesetzt. Dabei fokussieren wir uns derzeit auf Wachstumsunternehmen insbesondere aus den Bereichen Technologie, E-Commerce und Healthcare. Dazu zählen beispielsweise bekannte Startups wie Veganz und Little Lunch. Auch viele professionelle Amazon-Shops setzen auf uns. Denn gerade im E-Commerce muss die Finanzierung und Liquiditätsplanung zur operativen Geschwindigkeit passen.

Klassische Banken schließen Filialen und verabschieden sich aus Teilen des Kreditgeschäfts. Kann Aifinyo davon profitieren?
Ja, von diesem Trend profitieren wir. Zumal ja nicht nur Filialen geschlossen, sondern auch Kreditvergaberichtlinien verschärft werden – insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen. Zudem fehlt den Banken die digitale Alternative zum Bank-Berater vor Ort.

Früher kannte der Sparkassen-Berater seine Kunden vielfach persönlich und konnte sie entsprechend einschätzen. Wie viel Big Data ist heute das Finanzierungsgeschäft?
Und trotz des persönlichen Kontakts müssen Unternehmen in der Regel mehrere Wochen auf eine Finanzierung warten. Dies passt einfach nicht mehr zur digitalisierten Welt. Bei Aifinyo erhalten selbst Neukunden eine Finanzierungsentscheidung oft schon innerhalb eines Tages. Die dahinterstehende Software haben wir selbst entwickelt und setzen zunehmend Big Data und künstliche Intelligenz ein. Dank Big Data werden wir unseren Kunden immer mehr Zusatzleistungen bieten können. Beispielsweise Liquiditätsplanung und Bonitätsanalysen.

Ist Big Data zu Beginn nicht sehr teuer – und wann zahlt sich das aus?
Seit der Gründung im Jahr 2012 haben wir stark in den Aufbau unserer Plattform investiert und auch Unternehmen übernommen. Dennoch waren wir profitabel. Das Corona-Jahr 2020 war eine Ausnahme und wir wollen in Zukunft unsere Margen erhöhen. Denn die Plattform steht und die erste große Investitionsphase ist weitestgehend abgeschlossen. Natürlich wird die Weiterentwicklung unserer Software und unserer Leistungen als Technologieanbieter immer Teil des Geschäftsmodells sein. Doch insgesamt sollte durch Skalierung in den kommenden Jahren unsere Margen steigen.

In der Corona-Krise mussten Sie Forderungen abschreiben. Das Ergebnis wurde massiv belastet. Was war der Grund dafür?
Der Einbruch im zweiten Quartal 2020 war heftig und wir hatten insbesondere bei Kunden aus den Branchen Tourismus und Events unerwartete Ausfälle. Darauf haben wir sehr schnell reagiert und unter anderem die Finanzierungskriterien angepasst. So konnten wir die Risikokosten von 116 Prozent in Q2 im zweiten Halbjahr deutlich reduzieren – in Q3 waren es 26 Prozent und in Q4 nur noch 11 Prozent.

Im ersten Halbjahr scheinen sich die Geschäfte und Ergebnisse von Aifinyo zu bessern?
Absolut. Bereits ab dem dritten Quartal 2020 haben wir Umsatz und Ergebnis wieder stetig verbessert. In Q2 2021 haben wir dann mit einem Umsatzwachstum von 72 Prozent auch wieder auf allen Ebenen ein positives Ergebnis erzielt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Freiberufler weitestgehend noch nicht zurückgekommen sind. Mit ihnen rechnen wir erst ab dem kommenden Jahr wieder. Dennoch haben wir uns schneller erholt als von Analysten erwartet.

Den positiven Trend wollen wir fortsetzen. Denn wir haben in den vergangenen Monaten zahlreiche neue Kunden aus den wachstumsstarken Bereichen Technologie und E-Commerce gewonnen. Gemeinsam mit ihnen wollen wir in Zukunft wachsen. Zudem profitieren diese Branchen eher von Corona. Falls sich die Pandemie also im Winter wieder verschärfen sollte, sollten wir deutlich besser durch diese Zeit kommen als im Vorjahr.

Zahlt sich die Kooperation mit HalloFreelancer von New Work bereits aus? Mit einem neuen Rechnungsgenerator wird Freiberuflern unter anderem die Vorfinanzierung ihrer Rechnungen erleichtert.
Die Kooperation sollte sich ab 2022 positiv auf unsere operative Entwicklung auswirken. HalloFreelancer – im Hintergrund steht dabei das Xing-Netzwerk mit über 500.000 aktiven Freelancern, etwa IT-Experten, Designern und Beratern – wird derzeit von New Work aufgebaut. Wir freuen uns, von Anfang an mit an Bord zu sein und sehen hier langfristig großes Potenzial.

Der Turnaround ist also gelungen. Wie sieht die Prognose für die nächsten Quartale aus?
Wir sind auf den profitablen Wachstumskurs zurückgekehrt und sehen uns gut aufgestellt, diesen auch nachhaltig fortzusetzen. Wir haben zahlreiche wachstumsstarke Kunden gewonnen und auch die langfristigen Rahmenbedingungen sind äußerst positiv. Die Probleme der klassischen Banken haben wir bereits besprochen und auf der anderen Seite haben die Verwerfungen rund um die Corona-Pandemie den Konsolidierungsdruck im Fintech-Bereich spürbar erhöht, denn die wenigsten sind profitabel. aifinyo profitiert von beiden Trends.

Stichwort Peer-Group. Kürzlich hat die Solarisbank eine Finanzierungsrunde bei einer Bewertung von 1,4 Milliarden Euro durchgeführt. Der Jahresumsatz lag letztes Jahr bei 35 Millionen Euro und der Millionenverlust dürfte letztes und dieses Jahr zweistellig sein. Ist Aifinyo zu günstig bewertet?
Zunächst freuen wir uns für die Solarisbank für die erfolgreiche Finanzierungsrunde, die auch zeigt, welchen hohen Stellenwert Fintechs inzwischen erreicht haben. Im Bewertungsvergleich sind wir jedenfalls nicht teuer. Wir haben letztes Jahr bereinigt sieben Millionen Euro umgesetzt, sind dieses Jahr wieder profitabel – oder zumindest sehr nahe dran – und mit rund 90 Millionen Euro bewertet und unser Marktpotenzial ist sicher nicht geringer.

Wie könnte sich Aifinyo langfristig entwickeln. Was ist die Vision? Welchen Megatrend könnte Aifinyo wirtschaftlich erfolgreich nutzen?
Smart Finance ist ein Megatrend und ein Milliardenmarkt. Wir haben gerade erst begonnen diesen zu erschließen. Aifinyo soll zu einer bedeutenden Marke rund um Finanzierung, Zahlung und Abwicklung für KMUs werden. Unsere Vision ist es, Geschäftskunden über ein monatliches Abo sämtliche Leistungen rund um Zahlungen, Rechnungen und Cashmanagement schnell und unkompliziert über eine integrierte Plattform anzubieten. Zusätzlich werden ihnen durch unsere KI-basierte Software sämtliche Finanzierungen auf Knopfdruck zur Verfügung stehen.

Mit welchen Wachstumsraten können Anleger rechnen?
Wir sind in der Vergangenheit mit 20 bis 50 Prozent pro Jahr gewachsen und ich sehe keinen Grund, warum dies in Zukunft nicht der Fall sein sollte. Die Spanne ist etwas größer, da es immer mal wieder vorkommen kann, dass ein Wettbewerber kräftig in Marketing investiert, um seinen Umsatz ­– und damit auch seine Verluste – in die Höhe zu treiben. Neben diesem nachhaltigen Wachstum können zwei Dinge in den kommenden Jahren zu Treibern werden. Zum einen ist Aifinyo der perfekte Outsourcing-Partner für klassische Banken. Es gab auch schon Gespräche, die allerdings während Corona pausiert haben.

Zweitens beantragen wir derzeit verschiedene Lizenzen zur Zahlungsabwicklung. Diese Lizenzen sind die Voraussetzungen, um künftig Geschäftskunden Zahlungsdienstleistungen rund um Überweisungen, Girokonto und Kreditkarten anbieten zu können. Dies würde unser Geschäftsmodell auf eine neue Stufe heben und eine neue Umsatz- und Ertragsdimension für Aifinyo bedeuten.

Herr Kempf, besten Dank für das Gespräch.

 

Bildquelle: Aifinyo

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