Softing Wolfgang Trier

Interview Trier / Softing // Enormes Wachstumspotenzial in allen drei Segmenten

Von • 1. September 2022 • Anlagevisionen, Feature, Time_is_MoneyComments (0)789

Time is Money // Schnell ein paar Fragen an Wolfgang Trier, Vorstandschef bei Softing (517800). Dabei geht es um den Rekordauftragsbestand von 77,5 Millionen Euro, den jüngsten Großaufträgen im Automotive-Segment, unzuverlässigen Lieferketten bei Halbleitern und um die zunehmende Verbreitung der Elektromobilität, die Softing weitere Türen öffnet. Eine deutliche Ausweitung des Ebit, insbesondere des operativen Ebit, sieht er dabei als das Kernziel seiner Bemühungen.

Herr Trier, könnten Sie unseren Lesern die Softing AG bitte kurz vorstellen: Wo werden die Boxen / Sensoren / Systeme von Softing eingesetzt und was können sie leisten?
Wolfgang Trier: Softing ist in drei Segmenten vertreten: Industrial, Automotive und IT Networks. Im Segment Industrial ermöglichen wir unseren Kunden den Zugang zu komplexen Systemen mit tausenden von Sensoren in der Prozess- und in der Fertigungsindustrie. Mit unserem neuen APL-Switch managen wir komplette Industrienetzwerke im explosionsgefährdeten Umfeld auf Basis der neuesten Kommunikationstechnologie. Unsere Edge Container Software verbindet weltweit Fräs- und Bearbeitungsmaschinen mit Cloud-Systemen zu beliebig konfigurierbaren Fertigungsinseln.

Im Segment Automotive sind wir Spezialisten für die Kommunikation mit den in den Fahrzeugen verbauten elektronischen Steuergeräten, den Zugriff auf diese Daten und auf alle Wege von Daten in Fahrzeuge hinein oder aus Fahrzeugen heraus. Auch während der Fertigung erhalten die Fahrzeuge durch unsere Systeme ihre Daten.
Das Segment IT Networks stellt Test- und Messgeräte her, mit den man die Leitungen auf allen drei Zugängen zum Internet, seien es Glasfaser-, Kupferleitungen oder Funkstrecken, auf ihre Leistungsfähigkeit und Qualität prüfen kann. Trotz unterschiedlichster Anwendungen zieht sich aber eines als roter Faden durch alle Segmente: Unser Spezialwissen um die digitale Kommunikation.

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Wie könnten sich die Anwendungsmöglichkeiten in den kommenden Jahren erweitern? Welchen Einfluss hat die Elektromobilität auf die aktuellen und künftigen Geschäfte von Softing?
In allen drei Segmenten wachsen die Anwendungsmöglichkeiten jedes Jahr. Als Technologielieferant ist es unsere Aufgabe, bei allen relevanten Technologien von Beginn an dabei zu sein. Hier ließen sich ein gutes Dutzend Technologien nennen, die wir unseren Kunden zur Verfügung stellen und mit denen unsere Kunden schneller, sicherer und kostengünstiger arbeiten. Die zunehmende Verbreitung der Elektromobilität öffnet uns weitere Türen. Fahrzeuge werden immer mehr zu Datenservern auf vier Rädern. Das Thema Kommunikation im Fahrzeug sowie zwischen Fahrzeug und externen Stationen weitet sich immer mehr aus.

Wie abhängig ist Softing von Hardware, welchen Anteil nimmt die Software ein?
Softing hält vermutlich 80 Prozent seines Know-hows in Software. Dennoch sind wir deutlich von Hardware abhängig, da viele unserer Software-Lösungen erst über eine Hardware in den Netzen unserer Kunden verwendet werden können. Wir nutzen in vielen Fällen Hardware gewissermaßen als Vehikel, um in den Systemen unserer Kunden Nutzen stiften zu können.

Inwieweit sind brüchige Lieferketten für Softing ein Problem? Wie ist die aktuelle Liefersituation bei Halbleitern? Hat Softing in diesem Bereich Vorräte oder baut diese nun auf?
Die unzuverlässigen Lieferketten bei Halbleitern sind leider ein großes Problem für die gesamte Industrie und damit auch für uns. Elektronische Komponenten wie Microcontroller und Kommunikationsbausteine sind nach wie vor ein großer Engpass. Selbst wenn die Hersteller Liefertermine zusagen, ist das noch alles andere als eine Garantie, diese Halbleiter zum zugesagten Zeitpunkt auch zu erhalten. Wir bauen bestmöglich Vorräte auf, aber bis zum Eintreffen der letzten benötigten Komponenten für die jeweilige Elektronik liegt alles auf Lager und wartet auf die Fertigung.

Neben langen Lieferzeiten bringt dies eine bisher nicht gekannte Kapitalbindung mit sich. In Zeiten negativer Zinsen war dies kein Kostenfaktor. Zukünftig muss dies bei unseren Produkten verstärkt eingepreist werden. Neben den Lieferzeiten stellen die verfügbaren Mengen eine Herausforderung dar. So sind etwa unsere neuesten Entwicklungen bei IT Networks ein solcher Markterfolg, dass wir statt wie geplant 1.000 Stück im Jahr rund 4.000 Stück absetzen könnten. Im laufenden Jahr werden wir aufgrund der begrenzten Anzahl von verfügbaren Microcontrollern aber über die Planzahl nicht hinauskommen.

Softing hat einen Rekordauftragsbestand. In welchen Bereichen läuft es derzeit besonders gut? Inwieweit hängt dieser mit Produkten zusammen, die nicht ausgeliefert und fakturiert werden können, weil noch Teile fehlen? Wann könnte es hier eine Entspannung geben?
Zum 30. Juni 2022 lag unser Auftragsbestand bei 77,5 Millionen Euro nach 23,5 Millionen Euro zum entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der wertmäßig größte Auftragsbestand liegt dabei im Segment Industrial vor. Hier führt unsere US-amerikanische Tochter OLDI die firmeninterne Hitliste an. Aber auch für OBD-Adapter des Segments Automotive, das sind Stecker mit Elektronik zum Zugriff auf die On-Board-Diagnose, liegen zahlenmäßig große Bestellvolumina vor. Der Auftragsbestand ist eine Kombination aus hoher Nachfrage nach unseren Produkten gekoppelt mit Lieferverzögerungen aufgrund fehlender elektronischer Bauteile. Wir werden immer mal wieder positiv überrascht und erhalten mehr als erwartet. Eine echte, d. h. dauerhafte und planbare, Entspannung erwarten wir aber erst im Laufe des nächsten Jahres.

Ihre Tochter GlobalmatiX hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Großaufträge an Land gezogen. Wie geht es bei GlobalmatiX weiter?
Die Großaufträge der vergangenen neun Monate zeigen, dass unser Start-up GlobalmatiX das Potenzial besitzt, sich zu einem Wachstumsmotor unseres Unternehmens zu entwickeln. Wir verhandeln derzeit Auftragsvolumina über bis zu 20.000 angeschlossene Fahrzeuge, wobei man für jedes Fahrzeug eine entsprechende Box benötigt. Verfügbar werden im laufenden Jahr aber nicht mehr als 10.000 Boxen sein. Die derzeitigen Liefertermine für weitere, größere Mengen liegen alle in 2023.

Softing hat traditionell ein stärkeres zweites Halbjahr. Wird das auch im laufenden Geschäftsjahr so sein oder ist zu befürchten, dass die aktuellen Marktbedingungen dies verhindern?
Grundsätzlich ist das richtig und das zweite Halbjahr ist bei Softing traditionell das umsatzstärkere. In einem stabilen wirtschaftlichen und politischen Umfeld konnten wir ab Mitte des Jahres Umsatz und Ergebnis sogar recht gut abschätzen. Dies ist derzeit allerdings in dieser Form nicht möglich. Teilweise kommen benötigte Halbleiter deutlich früher als erwartet, teilweise werden Liefertermine von den Herstellern schlicht gestrichen. Ebenfalls schwer vorherzusagen ist, wie sich die weitere Nachfrage in Zeiten drastischer Inflationsschübe und hoher politscher Unsicherheit entwickeln wird. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben wir Krieg in Europa. Wie werden die Verbraucher und die Industrie auf die doppelte Bedrohung wirtschaftlich wie militärisch reagieren? Wir sehen daher für das Jahr 2022 ein recht breites Fenster mit einer Performance auf Höhe der 2021er-Zahlen bis hin zu einer deutlichen Verbesserung im Falle verstärkt verfügbarer Halbleiter.

Welches Wachstumspotenzial sehen Sie für Softing in den nächsten Jahren? Wo sehen Sie das größte Potenzial?
Erfreulicherweise haben wir ein enormes Wachstumspotenzial in allen drei Segmenten. Die kurzfristig höchste wirtschaftliche Relevanz haben Projekte in Industrial und in IT Networks, wo eine weitgehend neue Produktpalette mit modernsten Geräten auf Begeisterung unserer Kunden und riesiges Interesse trifft. Aber auch Automotive hat durch die bereits gewonnenen Projekte eine deutliche Ausweitung im Jahr 2023 und einen heute schon bekannten Umsatzsprung im Jahr 2024 vor sich.

Wie sieht es mit Ihren weiteren Akquisitionsplänen aus? Welche Ziele verfolgen Sie beim anorganischen Wachstum in den nächsten Jahren?
Wir haben ein derart hohes organisches Wachstumspotenzial, dass dies unsere Hauptaufmerksamkeit bindet. Wir sehen derzeit Zukäufe nur in einzelnen Fällen als Abrundung unseres Portfolios. Wir prüfen einzelne Angebote, aber das ist in unserer Industrie Routine.

Glauben Sie in den kommenden Jahren die Betriebsgewinn-Marge – Ebit-Marge – deutlich ausweiten zu können?
Eine deutliche Ausweitung des Ebit, insbesondere des operativen Ebit, ist Kernziel unserer Bemühungen. Im laufenden Jahr schmerzt die Inflation dadurch, dass sich unsere Einkaufspreise teils schneller erhöht hatten, als wir dies zeitlich über Preisanpassungen an unsere Kunden weitergeben konnten. Bei manchen Neuprodukten kaufen wir kritische Halbleiter zu klar überhöhten Preisen ein, um den Markt frühzeitig zu besetzen. Das alles belastet im laufenden Jahr noch die Marge. Damit gewinnen wir aber Umsatz und Marktanteile, die spätestens im nächsten Jahr auch zu deutlichen wachsender Profitabilität führen werden. Der jüngste von uns gemeldete Großauftrag im Segment Automotive wird beginnend in 2023 einen sehr deutlichen Umsatz- und Ertragsschub generieren.

Herr Trier, besten Dank für das Interview.

Bildquelle: Softing AG

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