ING-Stratege Maarten-Jan Bakkum: 5 Probleme der Türkei sorgen für Abwärtsrisiken

by • 21. März 2014 • AußenvisionenComments (0)1489

Eine Außenvision von Maarten-Jan Bakkum, Senior Stratege Emerging Markets, ING Investment Management. Seine Einschätzung für die Türkei.

Die Türkei vereint all jene wirtschaftlichen und politischen Probleme und Schwächen auf sich, die in den letzten paar Jahren zum unterdurchschnittlichen Abschneiden von Schwellenländerwerten geführt haben. Damit ist das Land am Bosporus ein Paradebeispiel für all das, was in der aufstrebenden Welt falsch gelaufen ist. Wir skizzieren hier die fünf größten Probleme.

Erstens: Das Wirtschaftswachstum ist überwiegend kreditgetrieben. Im Durchschnitt lag das Kreditwachstum in den vergangenen zehn Jahren bei 40 Prozent. Wenn es auch inzwischen gesunken ist, so übersteigt es immer noch 30 Prozent. Mit einem Anstieg der Inlandsverschuldung im Verhältnis zum BIP um 25 Prozentpunkte seit der Krise von 2008 zählt die Türkei zu den Ländern mit den höchsten Zuwachsraten bei der Verschuldung. Nur China, Malaysia und Thailand stehen schlechter da.

Zweitens: Hohe Kapitalzuflüsse beschleunigten das exzessive Kreditwachstum. Je mehr die Zentralbanken in den entwickelten Ländern ihre Geldpolitik lockerten und schließlich sogar zu einer quantitativen Lockerung übergingen, desto stärker war die Türkei auf ausländisches Kapital angewiesen. Hinzu kommt, dass die Türkei ihr immenses Leistungsbilanzdefizit (9,7 Prozent bei seinem Höchststand im zweiten Halbjahr 2011) jahrelang über ausländische Kapitalzuflüsse finanzieren konnte.

Drittens führten das hohe kreditgetriebene Wachstum und die bequemen Kapitalzuflüsse aus dem Ausland zu einer dramatischen Verschärfung der volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte. Dabei sticht die Inflationsrate hervor, die in den letzten zehn Jahren bei durchschnittlich 6 beziehungsweise 8 Prozent lagen. Zudem fiel die Arbeitslosenquote auch in den Boomjahren nie unter 8 Prozent. Das deutet auf eine hohe strukturelle Arbeitslosigkeit hin, die geradezu nach entschlossenen politischen Maßnahmen schreit.

Viertens kann die Geldpolitik der Türkei als missglückt beschrieben werden. Die Zentralbank hat Mühe, mit der Entwicklung mitzuhalten; bereits seit Jahren verfehlt sie ihr Inflationsziel. Derzeit hofft man, den Zielwert von 5 Prozent bis Ende 2015 zu erreichen. Im Januar sah sich die Zentralbank zu einer Anhebung der Zinsen gezwungen, um einen Zusammenbruch der Währung zu verhindern, doch zwei Monate später beträgt das Kreditwachstum immer noch 30 Prozent und die Inflation 8 Prozent. Gleichwohl gewannen wir bei unseren Gesprächen mit Zentralbankvertretern in Ankara den Eindruck, dass das Direktorium bereits mit dem Gedanken an eine Zinssenkung spielt.


Und fünftens ist das politische Risiko gestiegen. Elf Jahre lang AKP hat zu einer Machtkonzentration geführt. Armee, Justiz und parlamentarische Opposition wurden an den Rand gedrängt. Dadurch hat sich nicht nur die Polarisierung im politischen System, sondern auch in der türkischen Gesellschaft verstärkt.

Ausblick: Wie geht es angesichts dieser fünf Problembereiche also mit der türkischen Wirtschaft weiter? Eine Rezession wird kaum zu vermeiden sein. Diese Einschätzung gründet sich darauf, dass das türkische BIP-Wachstum in den letzten paar Jahren vor allem kreditgetrieben war, der Exportsektor nur 28 Prozent des BIP ausmacht und hartnäckige strukturelle Wachstumshindernisse bestehen. Wir rechnen damit, dass es dieses Jahr zwischen dem zweiten und vierten Quartal zu einer negativen Wachstumsentwicklung kommen wird. Unsere Wachstumsprognose für das Gesamtjahr 2014 lautet 0,5 Prozent. Die Konsenserwartung liegt hingegen bei 2,5 Prozent.

Die Türkei kann sich auch nicht darauf verlassen, dass der Kapitalzustrom aus dem Ausland, der ihr Leistungsbilanzdefizit und ihren Kreditboom finanziert hat, anhält. Bislang ist der Nettokapitalzufluss immer noch recht kräftig.

Die Lira bleibt verwundbar. Eine noch schwächere Lira erhöht das Risiko für jene Bereiche der Wirtschaft, die sich in den vergangenen Jahren erheblich im Ausland verschuldet haben, vor allem die Bauindustrie.

Die dramatische Preiskorrektur bei türkischen Assets in den vergangenen zehn Monaten spiegelt die hohe Verwundbarkeit der türkischen Wirtschaft im aktuellen weltwirtschaftlichen Umfeld wider. Insbesondere das wachsende politische Risiko macht Anlegern Sorge. Während die türkische Wirtschaft sich einem schmerzhaften Schuldenabbau unterziehen muss, muss das Land als Ganzes einen Weg finden, die Jahre autokratischer Herrschaft und gesellschaftlicher Polarisierung abzuschütteln.

Wir sehen deutliche Abwärtsrisiken für türkische Assets. Doch im Vergleich zu anderen schwachen und gefährdeten Emerging Markets hat in der Türkei bereits ein Korrekturprozess eingesetzt. Das zeigt sich vor allem an der Lira. Während EM-Währungen seit der Krise von 2008 im Durchschnitt preisbereinigt um 6 Prozent nachgelassen haben, hat die türkische Lira im selben Zeitraum 30 Prozent ihres Werts verloren.

 

Bildquelle: ING [bearbeitet]


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