Monatsarchiv für November 2010

Die Basis von allem

Ich liebe diese Zahlen. Noch nicht sehr lange, aber seit einiger Zeit: zweifellos. Sie haben ihren deprimierenden Charakter verloren, ihre Tristesse. Nun verbeiten die deutschen Arbeitslosenzahlen Zuversicht.

Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im November um 14000 auf 2931000 gesunken. Das waren 284000 weniger als vor einem Jahr, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Dienstag in Nürnberg mitteilte. Und der BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagt: “Der Arbeitsmarkt profitiert von der guten Konjunktur. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und die Erwerbstätigkeit nehmen erneut deutlich zu, und auch die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt.”

Nach den entbehrungsreichen Jahren vor allem des zurückliegenden Jahrzehnts mit Lohn- und Gehaltsverzicht sowie einer strukturbedingten Anpassungsarbeitslosigkeit, gibt es endlich ein paar (noch kleine) Früchte zu ernten. Die deutsche Wirtschaft ist auf diesem Weg sehr wettbewerbsfähig geworden, da der Möglichkeit einer Währungsabwertung ja bekanntermaßen versperrt ist. Der Titel Exportweltmeister oder Vize-Exportweltmeister hat zweifellos viele Arbeitsplätze gekostet und die Binnenkonjunktur belastet.

Deutschland erwirtschaftet Leistungsbilanzüberschüsse die hier den Wohstand sichern, aber auch Handelspartner verärgern. Nicht zu unrecht, denn auch Überschüsse bedeuten Ungleichgewichte und diese sind auf Dauer nie gut für ein Wirtschaftsgefüge. Anders ausgedrückt: Wirtschaft ist halt auch ein Geben und Nehmen.

Deswegen muss nicht gleich das Geschäftsmodell Deutschlands als Exportnation in Frage gestellt werden, aber wir sollten uns doch auch Gedanken über unsere Binnenkonjunktur machen, schon aus eigenem Interesse. Zaghafte Ansätze dazu gibt es. Der Konsum bessert sich im gleichen Maße, wie die Furcht vor Arbeitslosigkeit und Lohneinschnitten abnimmt.

Noch eins: An was ich gar nicht so recht glauben mag ist der sogenannte “Fachkräftemangel”. Ich würde sagen: Der Markt würde das recht schnell regeln. Herrscht Mangel werden höhere Löhne/Gehälter gezahlt und locken Arbeitskräfte (aus allen Teilen der Welt) an. Der Mangel wäre schnell behoben (auch mit Rückkehrern). Und können diese höheren Gehälter nicht gezahlt werden, weil dadurch die Wettbewerbsfähigkeit gefährdet ist, dann bestünde auch kein Mangel mehr. Das Unternehmen würde vermutlich abwandern. Was ich kürzlich von einem arbeitsuchenden Ingenieur gehört habe: “Sie können für 3000 Euro sofort anfangen”, bekam er beim Bewerbungsgespräch zu hören. Er lehnte ab und das Unternehmen dann auch. Wenn so der Fachkräftemangel aussieht …

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Thomas Schumm am 30. November 2010 in Konjunktur-Wundertüte

Euro-Retterin

Heute im Bundestag. Generaldebatte. Bundeskanzlerin Merkel spricht. Sie spricht über den Euro. Sie inszeniert sich als Euro-Retterin und wettert gegen die Opposition [in eigener Sache: Ich habe grundsätzlich keine Präferenzen für eine Partei.]. Das geht so: “… als es im Frühjahr darum ging, dass Verantwortung gezeigt werden muss, da haben sie [die SPD] unter fadenscheinigen Begründungen sich enthalten, zweimal enthalten in einer zentralen Stunde Europas, darüber wird die Geschichte richten, meine Damen und Herren, was man davon zu halten hat.”

Tja … Schweigen. Was soll man dazu sagen, über so viel Chuzpe. Ich bin erschüttert. Erinnern wir uns: Es war das “Frühjahr der Entscheidungen”. Griechenland war pleite und es ging darum, wer wohl die Zeche zahlt. Keiner wollte so recht.  Die Banken nicht. Klar. Die Griechen nicht. Klar. Ich auch nicht. Klar. Doch dann kam Kanzlerin Merkel als Schwergewicht Europas und ihr Kollege aus Frankreich und sie spannten einen Rettungsschirm über Euro auf und verdonnerten die Europäische Zentralbank (EZB) windige Euro-Staatsanleihen aufzukaufen. Ob das alles vereinbar ist mit den europäischen Statuten (wir haben jetzt eine Transferunion) oder der Unabhängigkeit der EZB (sie ist jetzt Staatsfinanzierer) sei mal dahin gestellt.

Und ja, die Geschichte wird richten, was man davon zu halten hat. Vielleicht wird die gute alte Geschichte irgendwann einmal sagen, gut, dass es noch ein paar Aufrechte gab, die es noch zu verhindern versuchten. Vielleicht sagt die Geschichte auch: Bundeskanzlerin war der Anfang vom Ende des Euros. Wer weiß?

Inzwischen sind wir ja schon ein Stückchen weiter auf dem Weg (der noch längst nicht zu Ende beschritten ist). Jetzt ist auch Irland pleite. Über Portugal wird (noch) heftig diskutiert, ob sie es bald sind … Die Portugiesen sind es, angesichts ihrer maroden Wirtschaft und ihres erreichten Verschuldungsgrades. Und in Spanien sieht es auch nicht so rosig aus. Will auch sie unsere Geschichts-Kanzlerin alle retten. Und was wird dann aus uns? Zahlen wir das alles, also der deutsche Steuerzahler? Bei aller Wertschätzung, das würde vermutlich selbst diesen überfordern.

Da ist es schon wahrseinlicher, dass der ganze Staatsanleihenschrott bei der EZB in der Bilanz auftaucht, die versucht die Zinsen niedrig und gleichzeitig die Inflation etwas höher zu halten. 10 Jahre Inflation bei sechs oder sieben Prozent und schon sind die Schulden nur noch die Hälfte wert. Das ist die Zimbabwe School of Economics oder Fed School of Economics.

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Thomas Schumm am 24. November 2010 in Schämecke

Keltische Krankheit

Die keltische Krankheit scheint noch nicht ausgeschwitzt zu sein an den Börsen. Heute geht es abwärts (wohl zusätzlich begünstigt durch den Konflikt in Korea) mit dem DAX, dem Euro (deutlich) und mit spanischen, portugisischen, italienischen Staatsanleihen. Grassiert der Virus? Hoffentlich nicht, aber ganz ausschließen kann man es auch nicht.
Schön, dass in dieser Situation die deutschen Konsumenten wieder Mut fassen und scheinbar ihren jahrelangen Käuferstreik beenden [was soll man auch machen mit seinem Geld angesichts von Mickerzinsen und immer neune Staatsbankrotten?]. Sie greifen wieder zu wie die GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) ermittelt hat. Aber so war das schon immer: Wer nicht permanent von Arbeitslosigkeit bedroht ist, konsumiert leichter.

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Thomas Schumm am 23. November 2010 in Folge dem Geld

Irischer Wein

Erst Griechenland, jetzt Irland. Die Iren werden es ohne Hilfe nicht schaffen. Außer: Sie lassen den Euro Euro sein oder was dann davon übrig ist. Wobei die irische Situation eine ganz andere ist als in Griechenland. Griechenland hat ein Wettbewerbsproblem verbunden mit jahrelangem Schendrian. Irland hingegen war kürzlich noch der “irische Tiger” mit einer boomenden Konjunktur mit sensationellen Wachstumsraten. Und hier beginnen die irischen Probleme: Es wurde gebaut und gebaut und gebaut … Und mit Immobilien spekuliert und spektuliert und spekuliert … Und alles auf Pump und nochmal auf Pump und nochmal auf Pump … Ein Klassiker, der wie endet? Richtig! Mit einer ebenso klassischen Bankenkrise. Irlands Banken ist aufgrund ihrer laxen (Immobilien-)Kreditvergabe wohl alle mehr oder weniger pleite. Die zur Sicherheit hinterlegten Immobilienwerte schmelzen dahin wie irische Butter in der Sonne. Übrigends: Auch deutsche Banken sind richtig groß in Irland engagiert.

Der irische Staat sprang ein und stützte die heimischen Banken, worauf gleich ein neues Problem entstand: Die Banken brauchten derart viel Geld, dass nun der irische Staat völlig überschuldet ist. Zunächst müssen auch wir Deutsche (und auch die Engländer) dem Iren dankbar sein, dass sie den Banken so edelmütig zur Seite gesprungen sind, denn hätten sie die Banken bankrott gehen lassen, hätten auch hierzulande einige Banken ernste Probleme.

Was könnte Irland nun tun, schließlich müssen die Schulden vom Hof:

1.
Seine Schulden der EZB verkaufen. So wie die Fed die US-Schulden kauft. Diese werden den irgendwann (zusammen mit den anderen bis dahin aufgekauften Euro-Schulden inflationiert).

2.
Sparen tüchtig weiter und versuchen ihre Schulden abzukleckern und riskieren auch noch eine Konjunkturkrise, wie sie sich bereits andeutet. Das dürfte lange dauerun und auf Dauer wird die Bevölkerung da wohl nicht mitmachen.

3.
Fragt bei der EU nach Hilfen nach. Motto: Heh, die Bankenkrise geht nicht nur uns etwas an. Ja, vermutlich müssen wir alle zahlen. [siehe auch 1.]

4.
Die Iren gehen zum Pariser Club und vereinbaren, dass zum Beispiel 50 Prozent der Schulden gestrichen werden [geht das eigentlich in der Eurozone?]. Auch so wären wir wieder dabei, da die HRE dann vermutlich wieder ganz viel Steuergelder bräuchte.

Wie man es dreht und wendet: Es kein irisches Problem, sondern unser aller Problem.

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Thomas Schumm am 18. November 2010 in Folge dem Geld

Aktienrendite, Risikobonds

“Wer heute gut schlafen will,
braucht Aktien.
Denn wo sollen die Renditen
sonst herkommen?
Wer Risiko will,
der braucht Bonds!”

von Christoph Bruns, Loys

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Thomas Schumm am 15. November 2010 in Börsen-Lyrik

Ein Guinness, bitte!

Erst mal: Prost! Den Schreck muss man in der Tat erstmal mit einem klebrig-dunklen Guinness hinunterspülen. In den vergangenen Tagen ist die Vermutung schon fast zur Gewissheit geworden: Irland, der einstige keltische Tiger, ist pleite. Irische Anleihen ist sind so richtig abgestützt, selbst wenn diese noch unter den bestehen europäischen Rettungsschirm fallen. Heute ging es allerdings mit den Kursen wieder stramm nach oben. Irland soll gerettet werden, so Gerüchte, von Europa, vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Obwohl Irland angeblich keinen Finanzierungsbedarf mehr in diesem Jahr hat, soll in der kommenden Woche schon ein 80-Milliarden-Euro-Rettungspaket bereitstehen.

Klassischerweise gibt es ja für Staaten 3 Möglichkeiten Schulden zu tilgen:

1. Zurückzahlen
Das haben die Iren versucht. Durch kräfiges Sparen wollten sie ihren Haushalt in Ordnung bringen. Es war wohl ein glückloses Unterfangen. Nach einer Studie der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleiche) vom März 2010 mit dem Titel “The future of public debt: prospects and implications” ist dies auch ein sehr schwieriges Unterfangen. Um wieder auf den Schuldenstand von 2007 (gemessen am BIP) zu kommen, müssten die Iren 5 Jahre lang Überschüsse von 11,8 oder 10 Jahre lang Überschüsse von 5,4 Prozent erwirtschaften. Frage: Welches Land hat den zuletzt über 5 oder 10 Jahre hinweg Überschüsse erzielt. Richtig. Mir ist auch keins bekannt. Außerdem: Wo sollen die Iren denn noch sparen?

2. Inflationierung
Die EZB (Europäische Zentralbank) gibt ja ihr Bestes, aber Inflation oder Geldmengenwachstum will nicht so recht aufkommen.

3.
Umschuldung
Zugegeben ein Euphemismus. Dahinter verbrigt sich einfach, das ein Staat seine Schulden entweder gar nicht oder nur teilweise zurückzahlt. Könnte in Irland noch kommen.

In der Eurozone kommt als Besonderheit noch hinzu:
4.
Ein Land lässt sich seine Schulden von einem anderen Land begleichen. Das ist schön für das eine und blöd für das andere Land. Aber darauf scheint es nun hinauszulaufen.

Noch ein Guinness, bitte!

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Thomas Schumm am 12. November 2010 in Folge dem Geld

Goldener Hafen, sicherer Hafen

Alle Welt jammert wegen einer möglichen kommenden Inflation. Klar, dass dann Gold steigt. Und es ist wie immer: Die einen sagen, es gehe noch weiter nach oben, der Aufstieg habe gerade erst begonnen und die anderen sehen das Ende der Hausse. Alles Übertreibung, ihr Argument. Was jedem bewußt sein sollte: Der Goldmarkt ist sehr klein und mithin anfällig für Schwankungen. Und: Wer Gold als Versicherung gekauft hat, der lässt sich auch durch Rückschläge nicht verunsichern.

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Thomas Schumm am 09. November 2010 in Folge dem Geld

Welt-Goldstandard

Ich weiß nicht? Sollte man das wirklich machen? Weltbank-Chef Robert Zoellick schlägt jetzt vor, eine neues Weltwährungssystem (eine neue Reservewährung anstatt dem Dollar) aus Euro, Dollar, Pfund, Yen, Renminbi zu schaffen und diese an den Goldpreis zu koppeln. Eine Art neuer Goldstandard (Bretton Woods).

Aber: Was spiegelt der Goldpreis wirklich wieder? Angebot und Nachfrage? Inflationserwartungen? Die Angst vor einem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems? Krude Spekulationen? Bei Überlegungen wie die von Herrn Zoellick  sollte nicht vergessen werden, dass der Goldmarkt recht klein ist und zum großen Teil durch die Stimmungen der Marktteilnehmer und das Angebot der Minen oder wahlweise der Verkäufe der Notenbanken (die schon wieder!) gesteuert wird. Die Frage nach einem fairen Goldpreis ist wahrscheinlich ungleich schwerer zu beantworten als die Frage nach einer fairen Umtauschrelation von Dollar und Euro zum Beispiel.

Man sollte sich besser nicht ausdenken, wie sinnvoll Devisenkurse sind, die in einer schwierigen Marktphase, wenn ohnehin landauf landab die Nerven blank liegen, durch Spekulanten über den Goldpreis irgendwohin getrieben werden.

Als kleine musikalische Untermalung:

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Thomas Schumm am 08. November 2010 in Folge dem Geld

Thanksgiving

Weil jetzt bald Thanksgiving in den USA ist [am 25. November] und Herr Bernankes so gar nicht damit aufhört Amerika und die Welt mit frisch gedruckten Dollars zu beglücken, fühle ich mich unweigerlich wieder an diese Geschichte mit dem Bauern und dem Truthahn [wahlweise Truthuhn] erinnert.  Wie ging die doch gleich? So: Der Bauer bekam einen kleinen Truthahn. Er kümmert sich lange Zeit rührend um das Tierchen. Füttert und pflegt es ordentlich. Schließlich soll es ja gut gedeien. Auch das Tier ist richtig glücklich. Was für ein Leben denkt es sich. Besser kann es gar nicht sein. Ich muss mich um nichts kümmern, immer kommt Futter, es wird ausgemistet, ich brauche mir keine Sorgen um böse Tiere zu machen … Das Tier wird dick und dicker und auch der Bauer wird immer glücklicher. So um den, sagen wir den 23. November kennt das Glück des Tiers keine Grenzen mehr. So könne es ewig weitergehen, denkt es sich. Geht es auch. Am 24. November gibt es nochmal ordentlich Futter. Doch dann kommt der Morgen des 25. November und der Bauer hat kein Futter, sondern so ein seltsam metallisch glänzendes Etwas in der Hand …

So, nun könnte doch Herr Bernanke der Bauer und wir Anleger die Truthähne sein …

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Thomas Schumm am 04. November 2010 in Folge dem Geld