Monatsarchiv für Juli 2010

Einheitlich kapitalistisch

20 Jahre ist nun schon bald die Wiedervereinigung her. Wo stehen wir heute, wirtschaftlich gesehen? Der Sozialismus ist gescheitert. Und der Kapitalismus? Er wankt etwas, obwohl, wie ich meine, er gut zum menschlichen Naturell passt. Schließlich lässt sich der Geschellschaftsentwurf auf die einfache Bauernweißheit verdichten: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.Wer will daran zweifeln? — Eben! Zudem hat uns das marktwirtschafliche System sicher mehr Errungenschaften zur Verbesserung der Lebensqualität gebracht als der Sozialismus — bei aller Kritik.

Unser guter alter Kapitalismus will aber gepflegt sein. Überlässt man ihn sich selbst, neigt er — wie soll ich sagen — ein wenig zur Verwahrlosung. Weshalb ich durchaus Sympathien für die Freiburger Schule (Ordoliberalismus) hege. Also, was muss getan werden, damit er uns nicht abhanden kommt wie der Sozialismus?

Das Wichtigste: Zu große Ungleichgewichte müssen vermieden werden — auf allen Ebenen. Vermögen darf sich nicht an wenigen Stellen sammeln.

Ein “Too big to fail”  im Zusammenhang mit Banken wollen wir nie wieder hören. Kartelle sind tödlich für die Marktwirtschaft.
Strenge Eigenkapitalvorschriften wäre in diesem Zusammenhang ebenfalls wünschenswert. Dann werden bei einer Bankenpleite auch tatsächlich die Kapitaleigner stärker in Verantwortung genommen. In den vergangen Jahren hatte man eher den Eindruck die breite Masse steht für das Versagen einzelner gerade.

Die Vermögenverteilung sollte in einem sinnvollen Verhältnis bleiben. Nein, hier geht es nicht um Enteignung oder Vereinheitlichung, sondern um die Sicherung einer breiten Mittelschicht ohne jene Demokratie nicht funktionieren kann. Es könnte sich lohnen über höhere Erbschaftssteuern auf Privatvermögen [wozu braucht eine Gesellschaft Dynastien?] und eine Top-Abgabe für Spitzenverdiener nachzudenken.

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Thomas Schumm am 30. Juli 2010 in Wirtschaftswunder

Einkaufsfahrt

Er läuft und läuft und läuft. Mehr denn je hat die VW-Werbung aus den Käferjahren ihre Richtigkeit. Operativ hat der Wolfsburger Autobauer im zweiten Quartal knapp zwei Milliarden Euro verdient — mehr als erwartet.
In der VW-Kasse liegen nun gut 17 Milliarden Euro, nach der Kapitalerhöhung und aufgrund der guten Geschäfte.
Um an die Weltspitze [dort ist noch Toyota] zu gelangen, bedarf es jetzt wohl nur noch eines kurzen Tritts auf das Gaspedal. Geplant ist wohl die Beteiligungen an MAN und Suzuki weiter auszubauen.
Die Börse freut es, die Aktie legt zu. Es könnte sogar noch weiter nach oben gehen mit den Volkswagen Vorzügen, obwohl die Aktie nicht mehr ganz günstig, aber eben auch nicht sehr teuer ist.

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Thomas Schumm am 29. Juli 2010 in Freudenstadel

Schweinezyklen

Bei Infineon ist wieder alles gut. Die Geschäfte laufen. Von Pleite ist keine Rede mehr. Im dritten Geschäftsquartal belief sich der Konzernüberschuss auf 126 Millionen Euro und stieg damit um 59 Prozent gegenüber 79 Millionen Euro im Vorquartal. Wenn es bei den Halbleiterwerten läuft, dann läuft es. So einfach ist das.

Die Zyklen sind dabei immer gleich: Die Konjunktur springt an, die Nachfrage nach Halbleiter steigt, die Kapazitäten werden knapp, die Preise steigen, die Gewinne steigen, dann werden den Kapazitäten ausgeweitet, die Kosten steigen, die Gewinn sinken, die Konjunktur verlangsamt sich, es wird wieder ganz schlimm …

Vermutlich steht Infineon jetzt noch am Beginn des Zyklus’. Mal sehen, aber der Wert ist ohnehin nur etwas für Zocker und Nervenstarke.

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Thomas Schumm am 28. Juli 2010 in Folge dem Geld

Arbeitslosigkeit ade

Krise, Kurzarbeit — alles passé in Deutschland. Auch die Arbeitslosigkeit? Ist (war) sie ein Problem vergangener Jahrzehnte? Es hat fast den Anschein [ich möchte nicht zu optimistisch sein]. Schon in den dunkelsten Krisenzeiten hatte man das Gefühl, dass etwas geändert haben könnte. Die Arbeitslosigkeit stieg nicht in dem Maße, wie es eigentlich zu erwarten gewesen wäre — ganz anders als in den USA oder in Spanien zum Beispiel.

Gelernt haben wir es anders: In früheren Krisen war Deutschland meist mit vorn dabei, wenn es um Arbeitslosigkeit ging. Und jetzt? Unser Hüter der Marktwirtschaft (Rentengarantie weg, Zechen früher schließen), unserer weinseliger Bundeswirtschaftsminster Rainer Brüderle kündigt sogar ein Jobwunder an und spricht von Vollbeschäftigung. Vollbeschäftigung! Ja. Richtig. Viele von uns kennen das nur aus Erzählungen: Damals in den 1960ern …

Vielleicht irrt ja unser Wirtschaftsminister einmal nicht.
Hauptgrund für die besseren Aussichten am Arbeitsmarkt könnte die demografische Entwicklung sein. Arbeitskräfte dürften künftig rarer werden. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ein Problem der Vergangenheit? Zumindest gibt es einige Hinweise für diese These.

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Thomas Schumm am 28. Juli 2010 in Wirtschaftswunder

Deutschland, Boomland II

“Partylaune” ist ja etwas, was aus dem Munde von Herrn Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München, durchaus ungewöhnlich und sicher nicht alltäglich klingt.

Doch lesen Sie selbst: “Der ifo Geschäftsklimaindex für die gewerbliche Wirtschaft Deutschlands ist im Juli deutlich gestiegen. Diese Zunahme ist der größte Sprung nach oben seit der Wiedervereinigung Deutschlands. Die Unternehmen berichten von einer erheblich besseren Geschäftslage als im vergangenen Monat. Die Geschäftsentwicklung im kommenden halben Jahr schätzen die Befragungsteilnehmer zudem optimistischer ein als im Juni. Die deutsche Wirtschaft ist wieder in Partylaune.”

Und? Kaum zu glauben, oder? Es ist jener Herr Sinn, der lange Zeit Deutschland am wirtschaftlichen Abgrund sah. In den Chefetagen deutscher Unternehmen gibt es — derzeit — offenbar keine Sorge vor einem Konjunkturrückgang oder gar einer Rezession. Schön so! Denn Wirtschaft ist ja immer auch gute Stimmung. Die muss jetzt lediglich noch bei uns Verbrauchern ankommen, damit auch das Geldausgeben wieder richtig Spaß macht. Wird sie auch noch. Dann brauchen wir uns auch keine Gedanken mehr um unseres Erspartes zumachen, wegen Deflation und Inflation und so. Einfach ausgeben. Das ist gut. Das hilft der Konjunktur. Das hilft somit uns allen.

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Thomas Schumm am 23. Juli 2010 in Folge dem Geld

Gute Prognosen

Doch noch gute Nachrichten aus den USA: Der Baumaschinenhersteller Caterpillar, der Mischkonzern 3M, der Logistiker UPS und das Pharmaunternehmen Eli Lilly blicken optimistischer in die Zukunft und hoben ihre Jahresprognosen an. Auch Qualcom, AT&T und Continental Airlines schnitten besser ab. Ebenfalls positiv: Nachrichten vom Immobilienmarkt und Frühindikatoren. So kann es weitergehen. Den Dow freut es, den DAX freut es.

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Thomas Schumm am 22. Juli 2010 in Die Börsen-Nachrichten

Deutschland, Boomland

Ach geht es uns gut. Ja. Tatsächlich. Die Konjunktur brummt. Wer hätte das gedacht. “Deutschland wird im zweiten Halbjahr der wichtigste Konjunkturtreiber der Euro-Zone sein”, jubelt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson zu einer Umfrage unter rund 1000 Unternehmen. Deutschland, deine Exporte.

Doch es ziehen ein paar Wölkchen auf am sommerlichen Wirtschaftshimmel. In den USA und in China zeichnet sich bereits ein Wachstumsverlangsamung ab. Der Gutgehgipfel könnte somit schon wieder überschritten sein.

Den DAX kümmert der (vielleicht) trübe Ausblick wenig, er ist ganz im hier und jetzt und steigt, trotz Wall-Street-Depression [US-Notenbankchef Bernake hatte von einer außergewöhnlich unsicheren Konjunkturlage gesprochen]. Gefragt sind auch Bundesanleihen, was auf eine schwächere Konjunkturentwicklung in Zukunft hindeuten könnte. So bleibt es beim bisherigen Trend: nix genaues weiß man nicht.

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Thomas Schumm am 22. Juli 2010 in Folge dem Geld

Die Psyche der Anleger

Wie ist es derzeit um die Anlegerpsyche bestellt? Fassen wir zusammen:
1.
Der DAX reagiert äußerst sensibel auf Unternehmensmeldungen. Fällt heute.
2.
Spanien kommt bei der heutigen Anleihenemission günstiger weg. 2,33 Prozent anstatt 2,83 Prozent im Juni für 18 Monate.
3.
Griechenland muss für 13 Wochen(!) 4,05 Prozent bezahlen. Im April waren es noch 3,65 Prozent.
4.
Bei uns legt die Umlaufrendite auf 2,31 Prozent zu.
5.
Der Euro verliert leicht.
6.
Gold legt etwas zu.

Was sagt uns das alles? Die Anleger bleiben nervös und wissen nicht so recht, in welche Richtung sie laufen sollen. Die ganz große Aufgeregtheit scheint jedoch abgeklungen (Goldpreiskonsolidierung, Euro-Erholung). Viel spricht somit für eine Fortsetzung des Seitwärtstrends am deutschen Aktienmarkt.

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Thomas Schumm am 20. Juli 2010 in Die Börsen-Nachrichten

Wo die Liebe hinfährt

Der Chinese liebt offenbar deutsche Autos. Gut so! Tun wir ja auch.
Die Marke mit dem weiß-blauen Propeller auf dem Kühler verkauft sich in China anscheinend so prächtig, dass die dortige Produktion nicht mehr ausreicht, den Bedarf zu decken. Jetzt muss wohl Nachschub aus hiesiger Produktion kommen. Wer hätte sich das noch zu Zeiten der Abwackprämie gedacht. Deutsche Luxusautohersteller [den Volkswagen-Konzern kann man dazu ja auch schon fast zählen] beim Gasgeben. BMW erwartet: “Eine noch stärkere Verbesserung des Konzernergebnisses vor Steuern im Vergleich zum Vorjahr.”
Die Autoaktien BMW, Daimler und Volkswagen waren an der Börse heute deshalb extrem begehrt. Blickt man auf die entsprechenden Charts, könnte sich dieser Aufschwung sogar per saldo weiter fortsetzen.

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Thomas Schumm am 13. Juli 2010 in Folge dem Geld

The living is easy …

… and the index is high. Na ja, zeitweise jedenfalls. Dauerhaft steigen derzeit wohl nur die Temperaturen. Alles wartet auf die ersten Ergebnisse der anstehenden Ergebnissaison, was sich auch am Doji im heutigen DAX zeigt.
Den Auftakt in den USA macht heute nach Börsenschluss der Aluminiumkonzern Alcoa.
Vielleicht kann sich danach der DAX entscheiden, ob rauf oder runter. Längerfristig dürfte es angesichts der nach wie vor günstigen Bewertungen recht gut aussehen.

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Thomas Schumm am 12. Juli 2010 in Folge dem Geld

Und tschüss Inflation

Was die Rentenmärkte schon lange vermuten [wegen der derart niedrigen Renditen dort] und auch an der Börse so langsam zu Gewissheit wird, ist nun amtlich: Wir müssen wohl eher Deflations- als Inflationstendenzen fürchten.

Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, ist der Verbraucherpreisindex für Deutschland im Juni 2010 gegenüber Juni 2009 um 0,9 Prozent gestiegen. Die Inflationsrate  gemessen am Verbraucherpreisindex ist damit im Juni 2010 leicht zurückgegangen: im Mai 2010 hatte die Jahresteuerungsrate noch bei plus 1,2 Prozent gelegen. Der für die Geldpolitik wichtige Schwellenwert von zwei Prozent wird weiterhin deutlich unterschritten. Im Vergleich zum Vormonat Mai 2010 erhöhte sich der Verbraucherpreisindex um 0,1 Prozent. Die Schätzung für Juni 2010 wurde damit bestätigt.

Von Inflation kann da wohl keine Rede sein. Da wundert es fast, dass Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, den Sparkurs der Regierungen so vehement verteidigt: “Wir [die EZB] schließen uns nicht der Meinung an, dass eine Reduzierung der öffentlichen Ausgaben das Wachstum abwürgen wird.” Er sieht langfristig sogar Vorteile des Sparens: “Ausgabenkürzungen in den Haushalten werden den gegenwärtigen Aufschwung in nachhaltiges Wachstum verwandeln.”

Das geht in Richtung “umgekehrtes” Ricardische Äquivalenz oder Barro-Ricardo-Äquivalenzproposition. Wenn heute gespart wird (und die Steuern erhöht werden), dann freuen sich Wirtschaft und Konsumenten gemeinsam auf die Zukunft und geben schon heute (oder demnächst) mehr Geld aus.

Der Haken: Was tun, wenn es Wirtschaft und Konsumenten anders sehen und nicht investieren und konsumieren? Wenn die Nachfrage einfach ausbleibt. Muss dann doch mehr Geld unter die Leute gebracht werden? Vulgo: Geld drucken. Dabei muss es nicht zwingend zu Inflation kommen, worauf die jüngsten Preisdaten einen Hinweis geben, da ja bereits einiges Geld in den Markt gepumpt wurde. Diese Geld hat eben nicht (auch nicht in anderen Industriestaaten) zu einem deutlichen Plus an Krediten (Geldschöpfung) geführt. Zu groß ist nach wie vor die Verunsicherung in der Wirtschaft, bei den Konsumenten und unter den Banken. Was sich auch gezeigt hat: Ohne staatliche Hilfe (Häuserprämie in den USA, Abwrackprämie in Europa) wird es sofort zäher. Mal sehen, wie lange noch gespart wird?

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Thomas Schumm am 09. Juli 2010 in Wirtschaftswunder

Aktien kaufen?

In den vergangenen zehn Jahren war ja mit Aktien kein Geld zu verdienen. Schon seltsam, wenn man bedenkt, dass man als Aktionäre [also so eine Art Unternehmer] weniger Rendite [Prämie] für sein zur Verfügung gestelltes (Risiko-)Kapital als ein Anleger in Staatsanleihen.  Schließlich galten Staatsanleihen in dieser Zeit als “risikofrei Anlagen” und hätten — nach der Theorie — weniger Zinsen bringen dürfen als die Risikoanlage Aktien.
Aber vielleicht war es ja die besondere Weitsicht der Anleger in Staatsanleihen, die schon ahnten, dass dieses eines fernen Tages — heute — als nicht mehr ganz so sicher geltenwürden und deshalb eine höhere Rendite gerechtfertigt sei. Aktien wären somit die risikoärme Anlage in jender Zeit gewesen — wie viele Aktien-Crashs gab’s eigentlich in dieser Phase?

Und wie sieht es heute aus? Aktien (europäische) gelten derzeit als günstig (siehe Chart).

[Quelle: Morgan Stanley]

Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10 bedeutet:
- Innerhalb von zehn Jahren ist das investierte Kapital durch die Gewinne amortisiert — sofern die Gewinn gleich bleiben.
- Aktien bringen derzeit eine Rendite von 10 Prozent [100/KGV]. Hinzu kommt noch die Dividendenrendite.

Wie sieht es bei Anleihen (deutschen) aus:
Die Rendite für 10-jährige Bundesanleihen beträgt derzeit 2,58 Prozent.
Ein Anleiheninvestment amortisiert sich erst nach rund 38 Jahren.

Der Risikoaufschlag auf Aktien beträgt somit rund 11 Prozent!
Dies könnt wiederum heißten:
- Auf Aktien kommen ganz schlimme Zeiten zu.
- Aktien sind viel zu billig.
- Anleihen sind vollkommen überbewertet.
- Anleihen sind nahezu risikofrei, was Zins- und Rückzahlung betrifft und mit Inflation ist auch nicht zu rechnen.

Vielleicht kann es nicht schaden, tendenziell ein paar Aktien ins Depot zu nehmen und gleichzeitig Anleihen etwas zu reduzieren.

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Thomas Schumm am 08. Juli 2010 in Folge dem Geld