Goldman-Sachs-Stratege Andrew Wilson: Wachstumsdynamik verlagert sich Richtung Westen

by • 19. Februar 2014 • AußenvisionenComments (0)2977

Eine Außenvision von Andrew Wilson, CEO EMEA bei Goldman Sachs Asset Management in London. Sein globaler Markt-Ausblick für das Jahr 2014.

In den Industrieländern verläuft die wirtschaftliche Erholung am ausgeprägtesten. Dies gilt vor allem für die USA, die es trotz tiefer Haushaltseinschnitte geschafft haben, ihren soliden Wachstumskurs beizubehalten. 2014 sehen wir das US-Wachstum endlich über die Trendrate steigen, da die Vorteile des Häusermarktaufschwungs nun auch der übrigen Wirtschaft und insbesondere dem Arbeitsmarkt zufließen. Angesichts des zusätzlichen Auftriebs durch die Erholung am Eigenheimmarkt und die erwartete Wiederbelebung des Bausektors halten wir es für möglich, dass das US-Wachstum 2014 schließlich die Marke von 3 Prozent übertreffen wird.

In Europa dürfte die Erholung ausreichend Zugkraft haben, um ein positives Wachstum zu schaffen. Der Umschwung, den die Eurozone 2013 von einer Kontraktion zu einem positiven Wachstum vollzogen hat, verdeutlicht die Verlagerung der globalen Wachstumsdynamik in Richtung USA und Europa. Unseres Erachtens dürfte der Euroraum der US-Wirtschaft in puncto Aufschwung jedoch um einige Jahre hinterherhinken und daher 2014 vermutlich nur auf ein Wachstum von rund 1 Prozent kommen.

Das zweite Amtsjahr von Premier Shinzo Abe bietet neue Herausforderungen für Japans Experiment der radikalen Konjunkturanreize. Die Wirtschaft hat Fortschritte gemacht: Die Inflation ist ins Positive gedreht, die Exporte haben angezogen und die Kursgewinne am Aktienmarkt zu einer Stärkung des Geschäfts- und Verbrauchervertrauens beigetragen. Wir sehen im ersten Quartal 2014 ein gewisses Inflations- und Wachstumspotenzial, das im weiteren Jahresverlauf aufgrund einer breiteren Wirkung der Steuererhöhungen und der Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Abes Reformagenda jedoch in eine potenzielle Verlangsamung umschlagen könnte. Auf längere Sicht bleiben wir skeptisch, ob dem Land eine spürbare Reduzierung seiner rekordhohen Staatsverschuldung gelingen wird.


Chinas Politiker haben ihre Entschlossenheit bewiesen, eine stärkere Wachstumseintrübung zu verhindern. Wir sind daher der Ansicht, dass die Wirtschaft dort 2014 weiterhin mit einer Rate von rund 7 bis 7,5 Prozent wachsen wird. Sorgen bereiten uns allerdings die gestiegenen Lagerbestände sowie das ungebremste Kreditwachstum. Die Gefahr von Vermögensblasen spricht für eine restriktivere Zentralbankpolitik, ebenso wie der Inflationsdruck, der aus den steigenden Lebensmittelpreisen und Löhnen resultiert. Das Lohnwachstum belastet wiederum die Wettbewerbsfähigkeit Chinas gegenüber konkurrierenden Schwellenländern wie Mexiko. Die Entwicklung zeigt, wie tiefgreifend die Verlagerung der Wachstumsdynamik in den Schwellenländern tatsächlich ist.

Nach wie vor verzeichnen die Emerging Markets ein stärkeres Wachstum als die Industrienationen, doch wird der Abstand geringer. Dies hängt ebenso sehr mit der Verlangsamung in China wie auch mit dem kräftigeren Wachstum in den USA und Europa zusammen. Unserer Einschätzung zufolge hat nach Asien nun der Westen die Wachstumsführerschaft übernommen. In puncto Investmentimplikationen dürfte die Verlagerung der globalen Wachstumsdynamik dem US-Dollar sowie Anlagen zugute kommen, die vom US-Wachstum profitieren. Vorsichtig sind wir dagegen bei Märkten, denen die sinkende Nachfrage aus China am meisten zu schaffen macht – ebenso wie die damit verbundenen rückläufigen Rohstoffpreise, die ohnehin schon unter einem erhöhten Angebotsdruck leiden.

Die Frühindikatoren deuten unseres Erachtens auf ein steigendes Wachstum in allen führenden Volkswirtschaften hin. Und zum ersten Mal seit der Krise sehen wir eine breit angelegte, globale Partizipation an diesem Aufschwung und schätzen auch das Rückfallrisiko als relativ gering ein.

Bildquelle: GSAM


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