Martin Utschneider, Donner & Reuschel, Technischer Analyst

Donner & Reuschel Martin Utschneider // Ausblick 2018 für DAX, Euro, Bitcoin, Gold und Öl

by • 12. Dezember 2017 • Time_is_MoneyComments (0)1719

Time is money: Schnell ein paar Fragen an Martin Utschneider, Kapitalmarktanalyst bei der Donner & Reuschel Bank in München, zu den Kapitalmärkten aus technischer Sicht.

Herr Utschneider , erstmal das „große“ Thema: Algos, erst der Anfang?
Der Anfang ist es nicht, aber es ist auch noch nicht das Ende. Der Trend geht derzeit klar zu einem emotionslosen Risikomanagement. Das kann sehr gut mit Algorithmen gepaart werden. Algos werden aber nicht das herkömmliche Asset Management ablösen. Beide Seiten müssen optimal miteinander kombiniert werden.

Kein oder kaum Risiko – bedeutet das nicht auch keine oder kaum Rendite?
Beim Fußball gilt, wenn man diesen Vergleich anstellen will: Die Null sollte stehen, aber es müssen auch ein paar Tore geschossen werden. Mit unserem Partner Speedlab versuchen wir zunächst Risiken auszuschließen oder zu minimieren und dann auch Rendite zu gewährleisten.

Wer hat das letzte Sagen, Algo oder Mensch?
Wir werden uns nicht gänzlich blind auf den Algorithmus verlassen. Ich würde mich nie in ein Flugzeug setzen, das nur und ausschließlich von einem Autopilot gesteuert wird. Somit glaube ich, dass der Analyst doch Kontrollinstanz bleiben wird, auch wenn er nicht der finale Taktgeber ist. Mensch und Algorithmus, das ist die richtige Reihenfolge für die Zukunft.

Ist es eine verwegene Annahme aus Kurven die Zukunft vorherzusagen?
Es gibt immer wieder Chartbilder, die sich ähneln. Dagegen steht die Annahme des Random Walk und der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Ich sage: Es gibt doch nichts Schöneres als eine Self-fulfilling Prophecy zu erkennen oder zu erahnen. Letztlich ist es so, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist, aber es lassen sich gut Tendenzen ausloten.

Ihre Prognose für den Bitcoin?
Er ist derzeit unkalkulierbar. Mehr Klarheit wird wahrscheinlich herrschen, wenn an den Terminbörsen Futures auf Bitcoins gehandelt werden.

Könnten Bitcoins eine Art Schwarzer Schwan sein, der so unerwartet daher geschippert kommt? Diese Kurssteigerungen hatte vor wenigen Wochen kaum jemand auf der Uhr.
Die wenigsten wissen über Bitcoins Bescheid, was die Gefahr ist, ähnlich wie beim Neuen Markt damals. Wie gesagt: Spannend dürfte es mit dem Terminhandel auf Bitcoins werden, dann wenn Short-Spekulationen möglich sind.

Zu einer seriöseren Anlage: Lässt sich schon erkennen, wohin der DAX im kommenden Jahr tendieren könnte? Was machen die über- und untergeordneten Trends?
Punktprognosen bleiben schwierig. Wir Techniker wissen, dass wir nichts wissen – und fühlen uns dabei auch ganz wohl. Kurzfristig stellt es sich im DAX so dar: Hält die Linie von 12.951, dann könnte es noch eine kleine Jahresendrally geben, fällt sie, womit die Schulter-Kopf-Schulter-Formation im DAX vollendet wäre, dann hieße es: Short-Selling. Für das kommende Jahr haben wir ein Kursziel von 14.500 Punkten definiert, was allerdings nicht nur technisch bedingt ist.

Das klingt nicht sehr ambitioniert.
Wir haben auch die USA im Blick …

Dort gibt es Steuersenkungen …
Noch ist nichts unterschrieben. Vor allem haben die IT- und High-Tech-Unternehmen nicht so viel davon. Zudem sind amerikanische Aktien nicht billig, gut, sie sind auch nicht teuer. Die hohen Bewertungen sind durch die stattlichen Gewinnausschüttungen gerechtfertigt. Sollten sich die Gewinne im kommenden Jahr nicht mehr so darstellen, könnte es schnell einen Einbruch geben. Und wir kennen das ja: Wenn die Wall Street hustet, dann hat die deutsche Börse eine Grippe.

Mindestens …
Es gibt den Begriff der Alternativlosigkeit der Aktie, was auch gefährlich ist, aber die Zinsen in Europa werden auch 2018 niedrig bleiben. Die Pensionskassen, die Lebensversicherung … sie alle müssen Geld verdienen. Das suchen sie sich am Aktienmarkt.

Was würden Sie im kommenden Jahr präferieren, Standard- oder Nebenwerte?
Das kommt darauf an …

Auf was?
Aufgrund der jüngsten Vergangenheit könnte man sagen: MidCaps weisen eine höhere Dynamik auf. Wir haben das grundsätzlich keine Präferenz. Wenn die technische Situation stimmt, dann kann ein Kauf erwogen werden, selbst wenn die Kursbeeinflussung bei kleineren Werten einfacher ist.

Hat der Euro rund bei 1,04 Dollar seinen langfristigen Boden gefunden? Könnte es im kommenden Jahr sogar gelingen den langfristigen Abwärtstrend bei aktuell 1,30 Dollar zu knacken?
Wir gehen weiter von einer Seitwärtsbewegung im Euro-Dollar-Kurs aus. Die Deckelung ist bei 1,20 Dollar und der Boden ist irgendwo bei 1,13 Dollar. Der Euro könnte sich im kommenden Jahr bei 1,15 Dollar einpendeln, weil wir keine Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank sehen. Die Kaufkraftparität liegt bei 1,30 Dollar, wo er sich vielleicht mittelfristig hinbewegen könnte. Charttechnisch ist das allerdings noch sehr weit weg. Davor liegen noch sehr viele Hürden.

Zum Öl. Nachdem die Marke von 60 Dollar überschritten ist, wo sehen Sie 2018 den Preis für das Fass der Nordseesorte Brent?
Die Marke von 60 Dollar ist relevant, da dort die 200-Tage-Linie verläuft. Öl hat den Ausbruch geschafft und muss nun die 200-Tage-Linie nachhaltig beweisen. Fundamental muss festgehalten werden, dass es durch das Fracking aktuell keine Ölknappheit gibt. Es ist gut möglich, dass im nächsten Jahr auch mal die 70 Dollar angetestet werden. Wieder in Richtung 100 Dollar zu denken ist verfrüht.

Ach ja, Gold, tendiert nun schon seit mehreren Jahren seitwärts. In welche Richtung könnte der Ausbruch erfolgen? Oder doch lieber Bitcoins?
Gold war ja einst der sichere Hafen. Gold ist auch noch eine wertsichere Anlage. Gold ist begrenzt. Ein Barren ist ein wertsicheres Gut, das aber im Preis erheblich schwanken kann. Von 2011 bis kürzlich gab es einen intakten Abwärtstrend beim Goldpreis, der verlassen wurde. Nun befindet sich der Goldpreis kurz vor einem Nadelöhr, in einem steigenden Dreieck, wie der Charttechniker sagt. Solange der Goldpreis nicht nachhaltig über 1.307 Dollar gehen, bleibt der Seitwärtstrend zwischen 1.200 und 1.300 Dollar intakt.

Hier das komplette Interview als Podcast. Das Gespräch wurde am 8. Dezember 2017 aufgezeichnet.

Bildquelle: Martin Utschneider, Donner & Reuschel, bearbeitet

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