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Munich Re Chefvolkswirt Michael Menhart Interview // Es gibt keinen Zins mehr, der dem Risiko entspricht

by • 11. Juli 2016 • Time_is_MoneyComments (0)5568

Time is Money // Schnell ein paar Fragen an Michael Menhart, Chefvolkswirt der Munich Re, wie man selbstfahrende Autos versichert, über die Einlagerung von Bargeld, Negativzinsen, Sparen, Kapital-Lebensversicherungen und die Folgen der Digitalisierung für die Versicherungswirtschaft.

Bargeld lacht?
Da fallen mir spontan Forschungsergebnisse ein, wonach Glück erstaunlich wenig mit materiellem Reichtum korreliert. Lachen geht also auch ohne Bargeld.

Als Reaktion auf die EZB-Strafzinsen hat die Münchener Rück einen zweistelligen Millionenbetrag Bargeld in den hauseigenen Tresor gesteckt. Passt noch etwas hinein oder ist vielleicht schon wieder mehr Platz?
Das Geld lagert selbstverständlich nicht in einem hauseigenen Tresor, sondern bei verschiedenen Banken im In- und Ausland.  Banken melden eine erhöhte Nachfrage nach Tresorraum. Es scheint also noch andere Akteure zu geben, die die Bargeldeinlagerung testen.

Wenn Bargeld immer beliebter wird – wird es dann vielleicht bald verboten?
Eine Abschaffung des Bargelds würde eine totale Überwachung jedes Einzelnen ermöglichen. Ich bin deshalb insbesondere aus gesellschaftlichen Gründen froh, dass niemand ernsthaft über eine Abschaffung des Bargelds nachdenkt.

Null-Zinsen oder Negativ-Zinsen sind …?
… nur in einer besonderen Krisensituation und für einen eng begrenzten Zeitraum sinnvoll. Die paradoxe Situation, dass Sparen bestraft und Schuldenmachen belohnt wird, sollte kein Dauerzustand bleiben.

Die Vorstellung von Negativ-Zinsen war für Sie vor ein paar Jahren …?
… eine spannende theoretische Frage.

Ist Geld nichts mehr wert?
Wenn dem so wäre, würden wohl viele morgens nicht mehr aufstehen und zur Arbeit gehen.

Überwiegen die positiven oder negativen Effekte des aktuellen Niedrigzinsniveaus?
Ein positiver Effekt wäre ja, dass durch die Maßnahmen Zeit gewonnen wird, um nötige Strukturreformen umzusetzen. Würde dies von den Regierungen angegangen, dann wären die negativen Effekte des aktuellen Niedrigzinsniveaus und der Ankaufprogramme zu rechtfertigen. Das sehe ich aber leider nicht. Auch die konjunkturellen Impulse für die Eurozone sind überschaubar.

Ohne Zins kein Zinseszins: Macht Ihnen Sparen noch Spaß?
Ein Effekt der geringen Zinsen ist, dass viele Menschen noch mehr sparen, um die fehlenden Zinserträge zu kompensieren. Sparen ist also keineswegs out.

Haben Sie eine Kapital-Lebensversicherung?
Ja, denn Rentenversicherungen haben einen unschlagbaren Vorteil: sie zahlen bis ans Lebensende, auch wenn ich 105 Jahre alt werden sollte. Zudem: wer als Kunde eine Lebensversicherung mit einem Garantiezins von 3 Prozent oder 4 Prozent und mehr abgeschlossen hat, der steht jetzt gut da.

Nervös deswegen?
Nein.

Zehnjährige Bundesanleihen notieren aktuell mit einer negativen Rendite, das heißt, man muss dem Staat noch etwas geben, damit man seine Schulden finanzieren darf. Die Folgen für die Lebensversicherungswirtschaft?
Ob die zehnjährigen Bundesanleihen leicht positiv oder leicht negativ rentieren macht am Ende nur einen kleinen Unterschied. Das Problem ist die lange Dauer der Niedrigzinsphase, falls „Phase“ überhaupt noch das richtige Wort ist. In der Konsequenz muss jeder Lebensversicherer für sich überlegen, ob es weiterhin Sinn macht, klassische Lebensversicherungen mit Garantiezins anzubieten.

Wie viele Lebensversicherer wird es in drei bis fünf Jahren noch geben?
Prognosen sind bekanntlich schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen. Mein Tipp: Ähnlich viele wie heute. Denn Lebensversicherungen werden weiterhin – aufgrund der demografischen Entwicklung sogar mehr denn je – gebraucht. Allerdings werden sich die Produkte ändern. Insofern glaube ich an die Zukunft der Lebensversicherer, aber nicht unbedingt an die Zukunft der Lebensversicherung mit Garantiezins.

Gibt es noch einen sicheren Zins?
Das Problem ist, es gibt keinen Zins mehr, der dem Risiko angemessen ist. Der Zins ist der Preis für das Risiko und der Preis stimmt in vielen Fällen nicht mehr.

Warum mögen Versicherungen keine Aktien?
Wir investieren durchaus in Aktien. Dass die Aktienquote bei den Versicherern nicht höher ist, hat zwei Gründe. Erstens, sind Aktien sehr volatil. Damit eignen sie sich nur begrenzt zur Absicherung der zukünftigen Zahlungen an unsere Kunden. Zweitens haben  Investments in Aktien für Versicherer den Nachteil, dass sie mit viel Eigenkapital unterlegt werden müssen.


Wann beginnt die Europäische Zentralbank (EZB) Aktien – evtl. die der Munich Re – zu kaufen? Unternehmensanleihen kauft sie bereits.
Der Kauf von Munich Re Aktien wäre zumindest ein lohnendes Investment! Aber im Ernst: Ein Ankaufprogramm für Aktien wäre nicht sinnvoll, weil die EZB dadurch keinen Einfluss auf das Zinsniveau und die Kreditvergabe ausüben kann. Mir ist aber noch von keiner Seite zu Ohren gekommen, dass es ernsthafte Überlegungen hierfür gibt. Insofern: eine theoretische Frage.

Sollte man für das Alter noch finanziell vorsorgen?
Mehr denn je – es wäre fahrlässig, es nicht zu tun.

Wie?
Das deutsche Drei-Säulen-System bestehend aus Gesetzlicher Rentenversicherung, betrieblicher Altersversorgung und privater Altersvorsorge ist in seiner Kombination aus Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren durchaus nachhaltig. Insofern: wer es schafft, in allen drei Säulen etwas anzusparen beziehungsweise Ansprüche aufzubauen, der ist auf einem guten Weg.

Welche Bereiche unseres Lebens werden von der Digitalisierung nicht erfasst werden?
Vermutlich werden alle erfasst. In München gibt es Bäcker, bei denen man seine Semmeln online bestellen und bezahlen kann.

Google und Facebook wissen (sicherlich) mehr über die Zipperlein und Gewohnheiten der Kunden von Versicherungen. Werden diese bald Policen herausgeben?
Ich kenne die Pläne dieser Unternehmen nicht. Allerdings ist der Versicherungsmarkt von vielen gut geführten Unternehmen hart umkämpft, schnelles Geld lässt sich hier für Neueinsteiger nicht verdienen. Zudem scheuen viele dieser Unternehmen die strenge Regulierung von Versicherungen und insbesondere die hohen Datenschutzstandards.

Wird schon bald eine App die Versicherungsgeschäfte für uns regeln, aufgrund biometrischer Datenauslese am Handgelenk und Big Data?
Es wird verstärkt Angebote geben. Inwiefern sich das zu einem Massenmarkt entwickelt, wird man abwarten müssen.

Wie lange wird es noch Versicherungsvertreter geben?
Solange Menschen, wenn es um die Absicherung zentraler Lebensrisiken geht, eine persönliche Beratung wünschen. Also noch sehr lange.

Wird man sich künftig gegen den Missbrauch seiner persönlicher Daten versichern können?
Das ist keine Zukunftsmusik mehr. Unsere Tochter Hartford Steam Boiler bietet in den USA bereits Cyberversicherungen für Privatpersonen an, mit denen Sie sich gegen die Folgen von Identitätsdiebstahl, Datendiebstahl oder auch Interneterpressung versichern können.

Wie versichert man selbstfahrende Autos [oder selbstfliegende Flugzeuge]?
Das ist eine Herausforderung für die Versicherer, stimmt. Die zentrale Frage ist, wer im Falle eines Schadens haftet. Dafür werden derzeit Lösungen entwickelt. Letztlich wird das selbstfahrende Auto nicht an fehlendem Versicherungsschutz scheitern. Spannender scheinen mir in dem Zusammenhang ethische Fragen. Also beispielsweise wenn das selbstfahrende Auto entweder das Leben des Insassen riskieren muss (indem es einen Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Laster in Kauf nimmt) oder das Leben eines Dritten gefährdet (in dem das Auto dem Laster ausweicht und dabei ein Kind auf dem Gehweg überfährt). Wer mag das vorab per Programmierung entscheiden?

Persönliches Wissen wird immer weniger wert. Ganze Berufsgruppen werden verschwinden, auch akademische. Welche gesellschaftlichen Folgen könnte das haben und welche für eine Versicherung?
Ich teile die These in Ihrer Frage nicht. Die Wissensgesellschaft ist noch lange nicht am Ende. Eine hohe Qualifikation ist der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit.

Wie reagiert die Versicherungswirtschaft und insbesondere ein Traditionskonzern wie die Munich Re auf die kommenden Herausforderungen?
Wir setzen massiv auf Innovationen. Wer nicht innovativ ist, wird als Fußnote in der Geschichte enden. Das gilt nicht nur für Silicon Valley Start-Ups, sondern auch für Versicherer.

 

Bildquelle: Munich Re [bearbeitet]

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